Vom Fressen und gefressen werden.

Was zu Beginn des Jahres mit einem 30-tägigen Experiment begann, hat sich mittlerweile zu einem neuen Bestandteil meiner Auffassung von Leben, Zusammenleben und Tod entwickelt – ich wurde den Überzeugungen des veganen Lebensstils erfasst. Für jemanden, der seine Mitmenschen gerne und ausgiebig über seinen krassen Sahnekonsum informierte und sich obendrein damit brüstete, das Käsefondue bei Familienfeiern nahezu alleine zu vernichten, kommt dieser Wandel der Transformation vom Saulus zum Paulus gleich. Wie kam es dazu, dass ich mittlerweile keine tierischen Produkte mehr essen möchte?

Es begann damit, dass ich mit einem befreundeten Arbeitskollegen vereinbarte, dass wir uns 30 Tage vegan ernähren würden. Wir waren uns zwar relativ sicher, diese Zeit irgendwie zu überleben, weil wir uns über die letzten Jahre hinweg unserer Meinung nach vorbildlich und gesund ernährt hatten. Um sicherzugehen plädierte ich jedoch dafür, vier „Cheat-Days“ in unser Experiment einzubauen, an denen tierische Produkte erlaubt sein würden. Ich war mir vor diesem hochriskanten Experiment nämlich todsicher, dass ich bereits beim Anblick eines Stückes gut gereiften Käses, schwach werden würde. So kam es, dass ich mich, nicht ohne es vorher großspurig angekündigt zu haben, leichtsinnig in die 30-tägige Zeit des tödlichen Nährstoffmangels stürzte.

Da die Saison noch nicht begonnen hatte, hoffte ich auch, den unvermeidbaren Leistungseinbruch bis zum Trainingslager kaschieren zu können oder dann  zumindest eine gute Ausrede für den akuten Mangel an Form parat zu haben.

Nach wenigen Tagen stellte ich einigermaßen enttäuscht fest, dass ich meine Form auf diese Art und Weise wohl nicht ausreichend würde ruinieren können, um im Trainingslager irgendwelche Ausreden geltend machen zu können. Obwohl ich an meinem eher ungesunden Schlafrythmus festhielt, fühlte ich mich fitter als zuvor. Trainingstechnisch schlug sich das darin nieder, dass ich zwei Trainingseinheiten mit Intervallen pro Tag absolvieren konnte. Eine phänomenale Sache. Ich musste mich weniger hart quälen, um meinen Puls in Richtung der anaeroben Schwelle zu bewegen und (viel wichtiger) ich hatte die Energie und Lust dazu. Natürlich sind diese Eindrücke subjektiv und ob meine Leistung tatsächlich höher war, kann ich mangels eines Leistungsmessers nicht sagen. Aber alleine das verbesserte Gefühl und der Spaß dabei überraschten und begeisterten mich recht schnell. Ich begann, mich „ernsthaft“ mit einer pflanzenbasiertern Ernährung und den Folgen für Körper, Geist und Umwelt auseinanderzusetzen.

Mittlerweile gibt es für mich vier Hauptbeweggründe für eine pflanzenbasierte Ernährung und vegane Lebensweise:

  • Mitleid mit den Tieren
  • Mitleid mit dem Planeten Erde
  • Mitleid mit den Hungerleidenden der Entwicklungsländer
  • Selbstmitleid

Mitleid mit den Tieren

Will man Tiere essen, müssen diese dafür sterben. Menschen in meinem Umfeld und ich selbst, behaupten gerne von sich, dass sie tierlieb sind und Tierquälerei verabscheuen.

Wieso essen die meisten dann trotzdem Fleisch? Wieso beauftragen sie andere Menschen damit, Tiere in ihrem Namen zu quälen und umzubringen? Bei schlimmen Auftragsmorden ist es gesellschaftlicher Konsens, dass der Auftraggeber und Hintermann der Tat mindestens moralisch verwerflich handelt wie der „kleine Fisch“, der die handwerklichen Schritte durchführt. Wieso sollte es sich bei der Schlachtung von Tieren anders verhalten? Was ist das für eine Doppelmoral?

Da ich schon länger aus ebendiesem Grund Vegetarier gewesen war, fühlte ich mich in diesem Punkt moralisch ganz eindeutig überlegen und blickte von meinem hohen Ross herab, während ich triumphierend ein Stück Käse genoss. Ich war überzeugt davon, frei von jeglicher Doppelmoral zu sein. Denn was ist an Milchprodukten, die ich ausschließlich in Bioqualität konsumierte, schon auszusetzen? Die glücklichen Kühe genießen ihr Grünfutter und geben dem Menschen bereitwillig ihre Milch. Das war meine naive Vorstellung.

Das Internet bot mir dann doch noch Gelegenheit, den Prozess der Selbstreflexion in Gang zu bringen und einfache Zusammenhänge nachzuvollziehen. Als Nutztiere gehaltene Kühe geben nur Milch, wenn sie (infolge künstlicher Befruchtung) schwanger sind oder gerade gekalbt haben. Milch ist das Futter der Säugetiere für ihre Jungen, die sie nicht freiwillig abgeben. Jeder, der schon einmal Urlaub auf dem Bauernhof gemacht hat und dabei das Pech hatte, die Nacht zu erleben, in der den Kühen ihre Kälber genommen werden, erinnert sich bestimmt an das Geschrei.

Was passiert mit den süßen Kälbern, wenn die Milch ihrer Mutter für Milchprodukte gebraucht wird? Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sind diese Kälber ein zunächst unerwünschtes Nebenprodukt, das entweder gemästet und dann geschlachtet wird oder gemästet wird und das Schicksal des Muttertiers erleidet. Die Muttertiere werden freilich auch verwertet, wenn sie nicht mehr genügend Milch geben. Da meine Fallhöhe infolge des riesigen Rosses besonders hoch gewesen war, war meine Landung natürlich umso schmerzlicher. Mir wurde klar, dass auch der Konsum von Milchprodukten, direkt mit der Qual, Ausbeutung sowie Schlachtung von Tieren einhergeht und daher moralisch fragwürdig ist. Alleine aus Mitgefühl war mein Appetit auf Milchprodukte verflogen. Außerdem erschien es mir zusehends absurd als ausgewachsener Pflanzenfresser das Babyfutter voller Hormone einer anderen Spezies zu konsumieren.

Mitleid mit dem Planeten Erde

Als Vegetarier und selbsternannter Umweltschützer, der auf Autofahren, Flugreisen und andere Aktivitäten mit einem hohen Ausstoß an Treibhausgasen, zu verzichten versuchte, war ich sehr sicher, dass mein ökologischer Fußabdruck mikroskopisch klein sein müsste. Freilich war ich ein Mitteleuropäer und nahm notgedrungen Annehmlichkeiten wie Heizung, Warmwasser, Kühlschrank, Computer, etc. in Anspruch. Aber was aß ich denn, dass ich mich hinsichtlich meiner Ernährung selbst hinterfragen müsste?

Ein Dokumentarfilm, der die globalen Einflüsse der Fleisch-, Fisch- und Milchindustrie auf die Umwelt schildert, brachte Licht in’s Dunkel und regte mich zum Nachdenken an. Diese Industriezweige stoßen mehr Treibhausgase aus, als alle Verkehrsmittel zusammen. Gleichzeitig ist die Fleischwirtschaft der Hauptgrund für die Abholzung der tropischen Regenwälder. Ein Drittel des weltweiten Süßwasserverbrauchs wird von diesen Industrien verbraucht. Besonders beeindruckt hat mich, dass nur 2500 Milchkühe so viel scheißen wie eine Stadt mit 410 000 Einwohnern. Was für ein Haufen Scheiße.

Mir wurde klar, dass die Lösung vieler globaler Umweltprobleme, auf dem Teller der Konsumenten in der westlichen Welt beginnt. Als Vegetarier und „bewusster Konsument“, hatte ich mich zu keiner Zeit als Teil des Problems gesehen. Ich wurde ganz klar widerlegt. Die Schlussfolgerung war, dass jemand, der von sich behauptet, die Umwelt zu respektieren, alleine aufgrund der Zahlen und Fakten, vegan sein muss. Um auch weiterhin den Gutmenschen markieren zu können, blieb mir nichts anderes übrig, als mich geschlagen zu geben.

Mitleid mit den Hungerleidenden der Entwicklungsländer

Jedes Jahr werden uns in den Nachrichten Zahlen über die Hungerleidenden der dritten Welt vorgelesen – bis zu 800 Millionen Menschen (also mehr als jeder zehnte Mensch auf diesem Planeten!) leiden unter Mangelernährung. Im Angesicht solcher Zahlen herrschte bei mir  Glaube, die Erde sei einfach überbevölkert und könne unmöglich so viele Menschen ernähren. Wieder genügten wenige simple Rechenschritte und Zahlen, um mich komplett zu widerlegen.

Zur Produktion eines Kilogramms Fleisch werden grob gerechnet zehn Kilogramm Getreide benötigt. So kommt es, dass mehr als 50 % der globalen Getreidernte zur Viehmast verbraucht wird. Während also ungefähr ein Siebtel der (menschlichen) Weltbevölkerung hungert, weil die Ernten zu gering ausfallen, verpassen die 60 Milliarden Nutztiere, die jährlich geschlachtet werden, keine Mahlzeit. In einem Punkt behielt ich also doch recht! Die Erde ist überbevölkert – von Nutztieren. Die überwiegende Mehrheit verlebt ein größtenteils armesliges Dasein, um auf dem Teller zu landen.

Ich wollte nicht länger mehr als notwendig dazu beitragen, dass ein Teil der Weltbevölkerung hungern muss, weil ein anderer Teil es vorzieht, seine Nährstoffe „second hand“ zu beziehen und dies zum Teil auch noch mit dem Gesundheitsnutzen dieser Produkte begründet. Dies war ein Punkt, der mich als toller Sportler, der auf eine gesunde Ernährung achtet. natürlich besonders interessierte.

Selbstmitleid

Um mich während des Experiments zu motivieren, hatte ich mir zu Weihnachten bereits ein passendes Buch schenken lassen, dass eine „wissenschaftliche Begründung“ für eine „pflanzenbasierte Ernährung“ versprach. Mir war zwar schon klar, dass der Mensch mit einer veganen Ernährung überleben kann. Ich war jedoch auch relativ sicher, dass tierisches Protein unverzichtbar ist, wenn er auch gedeihen und gesund bleiben soll.

Je weiter ich das Buch las, desto stärker wackelten meine Überzeugungen und stürzten schließlich vollständig in sich zusammen. Die im Buch präsentierten Thesen boten zwar allerhand Grund zur Skepsis, weil sie mit den meisten Traditionen „gesundheitsbewussten Essens“ interferierten. Die dargelegte Sachlage war andererseits jedoch so eindeutig, dass ich mittlweile nicht mehr daran zweifele, dass der Mensch mit einer pflanzenbasierten Ernährung weitaus gesünder lebt. Vielmehr wird der Konsum tierischer Nahrung als Ursache der Ausbreitung der chronischen Zivilisationskrankheiten in Zusammenhang gebracht, die die Gesundheitssysteme der „zivilisierten“ westlichen Welt an den Rande des Kollapses bringen.

Ich fragte mich aber, wieso tierische Produkte den Menschen krank machen, wenn er doch ein Allesfresser ist. Die Antwort war ebenso einfach wie einleuchtend. Obwohl ich mich wie ein Allesfresser benahm, bin ich anatomisch und physiologisch gesehen ein Pflanzenfresser. Gebiss, Kiefermuskulatur, Länge des Darms, pH-Wert des Magens, Vitaminstoffwechsel und Statur liefern alle überzeugende Argumente dafür, dass ich ein Pflanzenfresser bin. Hunde und Katzen entwickeln keine Arteriosklerose und Gallensteine, egal wie viel Fleisch sie fressen. Sie brauchen auch keine externen Quellen von Vitamin C, weil sie es selbst synthetisieren. Mit dem Menschen verhält es sich anders.

Obwohl ich meine Stärken nicht gerade im logischen Denken sehe, war dieses Argument für mich dasjenige, das den Konsum tierischer Produkte und eine positive Wirkung auf die Gesundheit, endgültig unlogisch erscheinen ließ.

Das häufig beschworene, unfassbar riesige menschliche Gehirn wurde zwar tatsächlich erst mit der Entdeckung des Feuers möglich. Die weit verbreitete Meinung, dass ein damit einhergehender erhöhter Fleischkonsum das Hirnwachstum befeuert hat, ist jedoch falsch. Die Entdeckung des Feuers erlaubte unseren Vorfahren aber, große Mengen stärkehaltiger Nahrungsmittel durch Rösten und Kochen in leichter verdauliche Kost zu verwandeln. Proteine und Fette sind nicht die Nährstoffe, die unser Hirn und Organismus ohne Umwandlung und Nebenprodukte direkt verstoffwechselt. Es sind Kohlenhydrate! Sogar die Klatschpresse, allerdings nicht die Deutsche, wusste bereits davon zu berichten.

Die schädliche Wirkung von Milch fremder Spezies auf den menschlichen Organismus setzte dem ganzen dann die Krone auf. Dementsprechend hoffe ich, dass ich mein Leben länger gesund verbringen kann, wenn ich mich pflanzenbasiert ernähre. Auch wenn ich mich nach wie vor gerne vollstopfe.


Wäre ich gläubig, würde ich das 30-tägige Experiment  im Nachhinein als Erleuchtung bezeichnen. Eigentlich darauf aus meine Vorurteile zu bestätigen, wurde ich zur Selbstreflexion motivert und vollkommen widerlegt. Der Zeitraum von 30 Tagen bot mir ausreichend Gelegenheit, auf Distanz zu meinen bisherigen Gewohnheiten zu gehen, selbige damit objektiver zu betrachten sowie in Frage zu stellen und infolgedessen zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Die „Cheat-Days“ verfielen ungenutzt.

Ich meine, dass ich in meiner eigenen Entwicklung einen Schritt vorwärts gemacht habe und nicht mehr zurückkehren möchte. Ich hoffe, dass noch weitere Schritte zu mehr Mitgefühl und weniger Doppelmoral folgen.

Ich möchte jeden, der Vorbehalte hegt und eine vegane Ernährung noch nie selbst erprobt hat, dazu ermutigen, seine Vorurteile ebenfalls einem Fakten- und Realitätscheck zu unterziehen.

Wer sich selbst informieren möchte und mir nicht glaubt (was ich auch nicht tun würde), findet nachfolgend noch ein paar Links zum Thema, die mich zum Nachdenken gebracht und in meiner Meinungsbildung beeinflusst haben.

 


Einstieg

veganstart.de

vegan-taste-week.de

challenge22.com

101 – Reasons to go vegan

haeschenfutter.de

The Health Benefits of Going Vegan with Dr. Barnard

Tierethik und (Doppel-)Moral

Earthlings

Gary Yourofsky – Eine lebensverändernde Rede

Colleen Patrick-Goudreau – From Excuse-itarian to vegan

Die gesundheitlichen Vorzüge einer pflanzenbasierten Ernährung

The Health Benefits of Going Vegan with Dr. Barnard

Dr. Michael Greger: How not to die

NutritionFacts.org

WHAT THE HEALTH

Hope for all

Making Heart Attacks History: Caldwell Esselstyn

Foods for Protecting the Body & Mind – Dr. Neal Barnard

Meat your Future – Is Dairy good for your Bones?

Meat your Future – Protein and Bone Health

John McDougall – The Ultimate Diet Therapy

Was ist mit Vitamin B12, Eisen, Protein, Vitamin D?

Should Vegans Take Vitamin B12 supplements?

Infografik: Vegane Ernährung

Meat your Future – Protein Basics

Die Umweltfolgen der Ernährung auf tierischer Basis

http://www.cowspiracy.com/

Richard Oppenlander – Your Role in Global Depletion

Meat your Future – Livestock and the Sixth Mass Extinction

Sind Menschen Fleischfresser?

Mic. the Vegan – Humans are Herbivores in Denial

Milton Mills – Are Humans Designed to Eat Meat?

Instagram

@forksoverknives

@plantifullynourished

@itsahealthylifestyle

@veganbowls

@veganbysomi

@plantbaseddan

@theconscientiouseater

Rezepte und Blogs

minimalistbaker.com

norefined.com

haeschenfutter.de

hot for food

One Green Planet

Avant-garde Vegan

theconscientiouseater.com

Veganesk

eat-this.org

Der Graslutscher

VeganEasy.org

Vegane YouTube-Kanäle

Vegan ist ungesund

Mic. the Vegan

NutritionFacts.org

The Vegan Cyclist

hot for food

Der Artgenosse

Jon Venus

TheVeganAtheist

Vegan Gains

Happy Healthy Vegan

vegan power girl

Ich freue mich über Kritik, Anregungen, Fragen, Beschimpfungen, Diskussionen, etc.

One Reply to “Vom Fressen und gefressen werden.”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.