Highlander Radmarathon 2019

Nachdem mich im Frühjahr Knieprobleme geplagt hatten, sollte der Highlander Radmarathon 2019 meinen kombinierten Saisoneinstieg, -höhepunkt und -abschluss bilden. DD war es gewesen, der mich nur wenige Wochen zuvor von der Sinnhaftigkeit einer Teilnahme überzeugt hatte. Mit den ihm zueigenen Überredungskünsten hatte er mich während langer Trainingsfahrten motiviert, mich noch um einen Startplatz zu bemühen. Da DD ohnehin teilnehmen wollte, waren Anreise und Übernachtung bereits vollumfänglich geplant, sodass ich mich wieder einmal nur um mich zu sorgen hatte.

Die Nacht vor dem Rennen verbrachten wir rustikal und rückenfreundlich gebettet auf Isomatten auf Holzboden. So fiel es uns glücklicherweise ein bisschen leichter, um 3:33 Uhr aufzustehen und uns auf den Start, der um 6:00 Uhr erfolgen sollte, vorzubereiten.

Mein gewöhnliches Marathonfrühstück aus eingeweichten Haferflocken, einigen Nüssen und Banane erweiterte ich in diesem Jahr um eine vorgekochte Rote Bete, um meiner Leistung zusätzlich auf die Sprünge zu helfen. Die kritischen Blicke und den kleinen Schönheitsfehler, dass ich für einen nachweislichen Effekt vermutlich mehrere Rote Bete oder bevorzugt den Saft des Wurzelgemüses hätte konsumieren sollen, ignorierte ich. „Copy the spirit, not the form!“ lautete das Motto. Wenn schon kein physischer Effekt nachweisbar sein sollte, dann baute ich zumindest auf den psychologischen Einfluss.

Derart präpariert rollte ich schließlich gegen 5:30 Uhr in der Dunkelheit zum Start. Es war bereits so mild, dass ich mich dazu entschloss, nur im Kurzarmtrikot auf die Strecke zu gehen. Für den Tag waren zu meiner großen Freude Sonnenschein und Wärme vorhergesagt. Mit einer schwer zu beschreibenden Mischung aus Anspannung, Vorfreude, Versagensängsten sowie Ehrfurcht fieberte ich dem Start entgegen und musterte die ausgesprochen professionell anmutende Konkurrenz. Zum Glück hatte ich die Rote Bete gegessen und fühlte mich daher mindestens semiprofessionell.

Der Streckensprecher ersparte dem Starterfeld in diesem Jahr zumindest das Morgengebet und so eröffnete er um 6:00 Uhr ohne Gottes Segen das Gemetzel, in euphemistischer Art und Weise als „Neutralisation“ bezeichnet. Das bedeutete in diesem Fall, dass ein Vorausfahrzeug das Tempo für ungefähr 1000 Radfahrer vorgab, die am liebsten alle in dessen Windschatten gefahren wären. Dementsprechend hektisch ging es zur Sache. Glücklicherweise war das vorgegebene Tempo heuer nach kurzer Zeit so hoch, dass sich das Peloton angenehm in die Länge zog. So konnte ich meine Position im Pulk überraschenderweise gut verteidigen, fuhr wachsam und erreichte das Bödele, den ersten Anstieg, weit vorne im Feld.

Zu verlieren habe ich in Rennen ja ohnehin nie etwas außer meiner Gesundheit. Dementsprechend hatte ich, nach einem ermutigenden Ergebnis beim Bergrennen nach Kaltenbronn am vorangegangenen Donnerstag, den Entschluss gefasst und verkündet, am Bödele irgendwie das Tempo der Spitze mitzugehen. Nun arbeitete ich daran, dieser Ankündigung Taten folgen zu lassen. Angesichts dessen, was das Höhenprofil noch bereithielt, hätte mir der Blick auf den Leistungsmesser eigentlich Angst einjagen müssen. Fest im Glauben an die Wirkung der Roten Bete richtete ich den Blick aber optimistisch nach vorne, in Richtung der aufgehenden Sonne, und konzentrierte mich auf meine Beine.

Die sonnige Abfahrt vom Bödele wurde gewohnt zügig absolviert. Als sich, im schattigen Tal angelangt, jeder verpflegt hatte, kam die Gruppe langsam ins Rollen. Wobei ich wohl nicht der einzige Fahrer war, der zusätzlich zum Frühüstück noch den Effort am Bödele verdauen musste und daher eher widerwillig zur Führungsarbeit beitrug. Andere Teilnehmer fühlten sich jedoch so frisch, dass sie direkt zur Attacke übergingen, jedoch immer in Sichtweite blieben und auch bald wieder gestellt wurden. Mir erschien das Tempo durchgängig recht zügig. Daher war ich erstaunt, als eine Gruppe von hinten aufschloss und sich die Gruppe auf schätzungsweise 30 Fahrer vergrößerte.

Nun folgte die lange Anfahrt zum Hochtannbergpass, die zunächst nur sanft ansteigt. Dem aktuellen Trend folgend hatten die Veranstalter auch daran gedacht, einen nicht asphaltierten Streckenabschnitt in der Strecke unterzubringen. Auf einer Länge von ungefähr 200 m fehlte dort der Asphalt und wir wurden über den ausgesprochen groben und scharfkantigen Schotter, der der Fahrbahn als Unterbau dient, geleitet. Prompt fielen einige Fahrer mit Platten zurück. Ich war heilfroh, dass ich nicht dazu gehörte.

Der Anstieg wurde langsam steiler, das Tempo von den schmerzfreien Spitzenfahrern jedoch mehr oder weniger beibehalten. Ich merkte, dass ich diese Leistung wohl nicht sehr lange würde aufrechterhalten können und über meinen Verhältnissen unterwegs war. Als sich die Passhöhe näherte und die Pace erneut forciert wurde, entschloss ich mich daher dazu, von nun an Vernunft walten zu lassen und mein eigenes Tempo anzuschlagen. Aus sicherer Entfernung konnte ich mich nun am Spektakel ergötzen und beobachten, wie der spätere Sieger und Zweitplatzierte die Gruppe schließlich sprengten und in Richtung Passhöhe sprinteten.

Ich fand mich in einer kleineren Gruppe mit ungefähr sechs Fahrern wieder und nach einer kurzen Verschnaufpause folgte der Anstieg zum Flexenpass. Wir hatten eine größere Gruppe vor uns stets im Blick. Die Anfahrt war jedoch von starkem Gegenwind geprägt, sodass wir nicht wieder aufschließen konnten und die Passhöhe mit ungefähr einer halben Minute Rückstand erreichten. In der darauf folgenden Abfahrt hatte der Veranstalter die erste von zwei sogenannten „Section Controls“ eingerichtet. Damit waren Abschnitte gemeint, die von der Zeitnahme ausgenommen waren, für die jedoch eine Mindestzeit einzuhalten war. Wer diese Abschnitte schneller als die Zeitvorgabe absolvierte, wurde disqualifiziert. Die Abfahrt vom Flexenpass war daher größtenteils neutralisiert, was mir aufgrund des Verkehrsaufkommes sowie einer Baustelle in einem Tunnel auch sinnvoll erschien.


Nachdem wir am Ende der „Section Control“ die Fahrer der Gruppe vor uns dabei beobachten durften, wie sie sich aus dem Staub machten, begaben auch wir Abgehängten uns auf den eher flachen Streckenabschnitt bis Ludesch. Leider lief die Zusammenarbeit in der Gruppe nicht optimal, sodass wir weiter an Zeit verloren.

Ab Ludesch bis nach der Abfahrt hinab vom Furkajoch profitiert man beim Highlander Radmarathon nur wenig von einer Gruppe, denn die Straße führt entweder steil bergan oder bergab. Es zählt also in erster Linie die individuelle Stärke. Ich fühlte mich mittlerweile wieder richtig gut, hatte mich bis dahin optimal verpflegen können und wollte versuchen, noch einmal weiter nach vorne zu fahren. Daher schlug ich gleich zu Beginn des Anstieges in Richtung Raggal ein recht flottes Tempo an, von dem ich hoffte, es auf den noch zu bewältigenden ungefähr 1600 Höhenmetern gerade so halten zu können. Begleitet wurde ich nun von zwei Mitstreitern, die das ebenfalls probieren wollten. „Never try, never know“ lautete die Devise. Nach einer kurzen Abfahrt erreichten wir den Fuße des Anstiegs zum Faschinajoch. Ich hielt das Tempo weiterhin konstant hoch und war kurz darauf alleine unterwegs. Langsam aber stetig kamen mir auch Mitglieder der ehemaligen Spitzengruppe von vorne entgegen. Einen nach dem anderen nahm ich mir als Bezugspunkt vor und schloss die Lücke. Mit dem Wissen, dass noch knapp 1000 Höhenmeter zu überwinden waren, war ich dabei jedoch geduldig genug, mein gleichmäßiges Tempo beizubehalten.

Ich achtete auch weiterhin darauf, mich gut zu verpflegen. Langsam aber sicher gingen meine Vorräte allerdings zur Neige. Ich hatte die Befürchtung, dass sie nicht bis zur nächsten vereinbarten Verpflegungsstelle auf dem Faschinajoch genügen würden. Während es mir bei meiner Aufholjagd gelegen kam, dass der Anstieg vermeintlich nie enden mochte, bereitete mir selbiger Umstand Sorgen hinsichtlich meiner Flüssigkeitsreserven. Es war mittlerweile sehr warm. Durstig quetschte ich die letzten Tropfen aus meinen Trinkflaschen. Langsamer zu fahren erschien mir aber auch keinen Sinn zu ergeben. Je schneller ich fuhr, desto früher würde ich wieder volle Flaschen haben. Ich wartete mittlerweile geradezu darauf, dass sich das erste Anzeichen von Erschöpfung und schwindenden Energiereserven bemerkbar machen würde. In meinem Fall ist das ein kurzes Flimmern nach dem Blinzeln. Und so blinzelte ich immer wieder beunruhigt in die herrliche Alpenlandschaft, wartete glücklicherweise jedoch vergeblich auf das unheilvolle Flimmern. Mangels Flüssigkeit in den Trinkflaschen nahm ich in den letzten Rampen des Faschinajochs noch ein Gel zu mir, hauptsächlich um meinen Durst zu stillen. Ich war in diesem Moment heilfroh darüber, bereits verdünnte isotonische Gels zu verwenden. Diese liefern neben Energie in der Not eben auch noch einen Schluck Flüssigkeit. Rasch überholte ich zwei weitere Fahrer, in der Hoffnung, dass nur sie mir noch die Sicht auf die rettende Verpflegung nahmen. Diese Hoffnung wurde zwar enttäuscht, aber nach einer weiteren Kehre erblickte ich, am Ende der Geraden, voller Vorfreude die „gilet jaune“ von DDs Vater. Gierig nahm ich frische Trinkflaschen sowie Gels in Empfang und beschleunigte in Richtung Kuppe. Dort genehmigte ich mir hastig ein weiteres Gel, stillte schnell meinen Durst und stürzte mich in die kurze Zwischenabfahrt, um aus der Sicht der überholten Fahrer zu verschwinden.

Frisch gestärkt und in Abwesenheit jedweden Geflimmers begann ich den Anstieg zum Furkajoch, die letzte längere Steigung des Tages. Schnell fand ich wieder meinen Rhythmus und beinahe ebenso schnell tauchten weitere Fahrer vor mir auf, die ich wieder als Bezugspunkte nutzte. Mit mehrmals wechselndem Fokus erklomm ich so das Furkajoch und hatte kaum Gelegenheit das atemberaubende Panorama zu würdigen. So langsam wurden die Beine nun doch langsam schwerer, noch gelang es mir aber, meine Leistung beizubehalten. Kurz vor der Kuppe konnte ich sogar noch einmal beschleunigen, übersprintete einen weiteren Fahrer und fuhr mit Schwung in die letzte Abfahrt hinein. In der Mitte dieser Abfahrt befand sich die zweite „Section Control“. Mein Plan war, dort wieder auf den eben überholten Rennfahrer zu warten, um nicht alleine das überwiegend flache Teilstück zum Ziel zurücklegen zu müssen. Vor der erhofften Zusammenarbeit nach der „Section Control“ wollte ich aber möglichst viel Zeit zwischen ihn und mich bringen. Der Plan funktionierte soweit und wir verließen die „Section Control“ gemeinsam. Leider kristallisierte sich relativ schnell heraus, dass der zweite Teil meines Plans nur teilweise aufgehen würde. Nach wenigen Ablösungen konnte mein Begleiter leider nicht mehr viel zur Tempoarbeit beitragen. Aber meine Beine kooperierten glücklicherweise nach wie vor außerordentlich gut. Dementsprechend absolvierte ich die letzten Kilometer als Einzelzeitfahren. Zumindest würdigte mein Begleiter die Leistung nach der Ankunft mit einem dankbaren „Grande“.

Unmittelbar nach der Zieldurchfahrt wurden Anspannung, Nervosität, Stress aber auch Konzentration von einer Woge aus Endorphinen fortgespült. Derart berauscht durchquerte ich den Zielbereich und fand DD wieder, der seine Emotionen besser zu verbergen verstand. Trotz einiger Jahre Erfahrung gelang es mir nicht, ihm eine eindeutige Aussage bezüglich seiner Platzierung zu entlocken. Insgesamt schien er mit seiner Leistung jedoch mindestens halb so zufrieden zu sein wie ich mit meiner. In diesem Kontext ist schon dies als beachtliche Leistung hervorzuheben. Letztendlich stellte sich heraus, dass DD sensationeller Dritter geworden war, während ich das Rennen auf dem vorläufigen zwölften Platz beendet hatte. Meine Euphorie wurde sogar noch befeuert, als ich die Verpflegung im Zielbereich in Augenschein nahm. Dort entdeckte ich reife Bananen und Wassermelonen im Überfluss, an denen ich mich gierig gütlich tat.

Fazit

Der Highlander Radmarathon war einmal mehr ein tolles Erlebnis. Die Veranstaltung ist super organisiert, bot in diesem sowie den vergangenen zwei Jahren tolles Wetter und die Strecke ist landschaftlich ein Traum. Mein Rennen hätte in diesem Jahr kaum besser laufen können. Vielleicht hätte ich am Hochtannbergpass etwas mehr Risikobereitschaft an den Tag legen und mich in die zweite Gruppe wagen sollen. Dann wäre im flachen Abschnitt bis Ludesch schneller unterwegs gewesen. Aber wer weiß, ob ich dafür letztendlich nicht am Furkajoch bezahlt und deutlich weniger Spaß gehabt hätte. Meine zeitweise konservative Fahrweise ermöglichte es mir, meine Leistung bis zum Schluss aufrechterhalten. Der Vergleich der Zeiten auf den entsprechenden Segmenten bei Strava bestätigte im Nachhinein meinen subjektiv guten Eindruck, den ich während der Fahrt hatte. Später erfuhr ich noch, dass die Ergebnisse noch korrigiert worden waren und ich nun auf dem zehnten Platz gelistet werde.

Mein besonderer Dank gilt DD und seinem Vater für die Organisation, Verpflegung und Fahrt sowie PH für die Möglichkeit zur Übernachtung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.